Was Strom- und Gaspreise für Unternehmen bewegt

Luftbild eines Windparks bei Sonnenuntergang

Wenn der Energiepreis steigt, klingt das nach einem Naturereignis. Tatsächlich setzt sich Ihre Rechnung aus Bestandteilen zusammen, die sich nach ganz unterschiedlichen Regeln bewegen – manche täglich, manche jährlich, manche nach einem gesetzlichen Fahrplan.

Dieser Beitrag erklärt die Mechanik dahinter: welcher Teil dem Markt folgt, welcher planbar steigt und was ein Betrieb daraus praktisch ableiten kann.

PreisbestandteilWie er sich bewegt
BeschaffungTäglich, über den Großhandelsmarkt. Der einzige Teil, dessen Zeitpunkt Sie wählen können.
NetzentgelteJährlich, je Netzgebiet festgelegt und vorab veröffentlicht.
Steuern und UmlagenJährlich, gesetzlich bestimmt.
CO₂-Kosten (Gas)Nach gesetzlichem Fahrplan, ab 2028 über den europäischen Emissionshandel.
Die vier Bestandteile und ihre jeweilige Logik

Nur ein Teil folgt dem Markt

Das ist die wichtigste Unterscheidung, und sie erklärt vieles. Wenn in den Nachrichten „die Strompreise fallen“, ist damit fast immer der Großhandelspreis gemeint – also der Beschaffungsanteil.

Ihre Rechnung enthält aber drei weitere Blöcke, die davon unberührt bleiben. Deshalb kommt eine Entspannung am Markt bei Ihnen gedämpft an – und deshalb kann Ihr Preis steigen, obwohl der Großhandel günstiger geworden ist. Welche Bestandteile das genau sind, zeigt unser Leitfaden zum Vergleich von Gewerbestromtarifen.

Was den Beschaffungspreis bewegt

Am Großhandelsmarkt treffen Erzeugung und Nachfrage zusammen. Vier Kräfte wirken dabei besonders stark:

  • Wetter und Erzeugungsmix. Bei viel Wind und Sonne drängt günstige Erzeugung in den Markt und drückt den Preis. Bei windstillen, bedeckten Tagen übernehmen teurere Kraftwerke – und die setzen den Preis für alle.
  • Der Gaspreis. Gaskraftwerke sind häufig die letzte zugeschaltete Erzeugungsart und bestimmen dadurch den Strompreis mit. Steigt Gas, steigt oft auch Strom – auch wenn Ihr Betrieb kein Gas bezieht.
  • Nachfrage und Saison. Kalte Winter, heiße Sommer mit Kühllast, konjunkturelle Lage der Industrie.
  • Geopolitik und Lieferwege. Beim Gas wirken Importrouten und LNG-Verfügbarkeit unmittelbar, beim Strom mittelbar über den Gaspreis.

Der praktische Kern daraus: Diese Schwankungen sind nicht vorhersagbar, aber sie erzeugen Fenster. Wer den Abschlusszeitpunkt frei wählen kann, nutzt sie. Wer erst vier Wochen vor Vertragsende anfängt, bekommt den Tagespreis – gut oder schlecht.

Netzentgelte: der Teil, der planbar ist

Netzentgelte bezahlen den Betrieb und Ausbau der Strom- und Gasnetze. Sie werden vom örtlichen Netzbetreiber kalkuliert, unterliegen der Regulierung durch die Bundesnetzagentur und werden jährlich neu festgelegt.

Zwei Eigenschaften machen sie besonders:

Erstens sind sie regional sehr unterschiedlich. Ein Netzgebiet mit hohem Ausbaubedarf und geringer Abnehmerdichte verteilt seine Kosten auf weniger Schultern. Genau deshalb zahlen zwei identische Betriebe mit identischem Verbrauch in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich viel – ohne dass einer schlechter verhandelt hätte.

Zweitens sind sie vorab bekannt. Netzbetreiber veröffentlichen ihre Preisblätter, in der Regel gegen Jahresende für das Folgejahr. Wer wissen will, wie sich dieser Block am eigenen Standort entwickelt, kann das nachlesen, statt zu spekulieren.

CO₂-Kosten: der Teil mit Fahrplan

Beim Erdgas kommt ein Bestandteil hinzu, der gesetzlich geregelt und in seiner Richtung eindeutig ist: die Bepreisung der Emissionen. Sie wird derzeit über den nationalen Emissionshandel erhoben und steigt nach festgelegtem Pfad. Ab 2028 übernimmt der europäische Emissionshandel für Gebäude und Verkehr, dessen Start von 2027 um ein Jahr verschoben wurde.

Für Betriebe mit hohem Gasverbrauch ist das der einzige Preisbestandteil, dessen Entwicklung sich mit einiger Sicherheit annehmen lässt – und damit ein Argument dafür, längerfristig zu denken. Was sich konkret ändert und was im Übergangsjahr 2027 gilt, behandelt unser Beitrag zur CO₂-Bepreisung.

Elektrifizierung: die langsame Kraft

Wärmepumpen, Elektromobilität und die Umstellung industrieller Prozesse verlagern Energiebedarf von Gas und Öl zu Strom. Das wirkt in zwei Richtungen gleichzeitig: Die Stromnachfrage wächst, gleichzeitig wächst der Anteil günstiger erneuerbarer Erzeugung, und der Netzausbau erzeugt Kosten, die über Netzentgelte umgelegt werden.

Wer daraus eine Preisprognose ableitet, überschätzt sich. Was sich aber sagen lässt: Die Bedeutung des Lastprofils nimmt zu. Betriebe, die Verbrauch zeitlich verschieben können, gewinnen an Verhandlungsposition, weil sie zum System passen statt gegen es zu laufen.

Was ein Betrieb daraus praktisch macht

  • Vorlauf schaffen. Wer sechs bis zwölf Monate vor Lieferbeginn handlungsfähig ist, kann ein günstiges Fenster nutzen. Das ist der größte Hebel und kostet nichts außer einem Kalendereintrag.
  • Das Zeitpunktrisiko verteilen. Bei größeren Mengen mehrere Tranchen statt einer Fixierung.
  • Den unverhandelbaren Teil kennen. Wer weiß, wie hoch der Anteil aus Netz, Steuern und Abgaben am eigenen Standort ist, bewertet Angebote realistischer.
  • Lastprofil verbessern. Gleichmäßigerer Verbrauch bedeutet weniger Kalkulationsrisiko für den Versorger – und das wirkt im Angebot.

Wie sich das in eine Beschaffungsstrategie übersetzt, beschreibt unser Beitrag Gewerbestrom langfristig sichern.

Wo Sie belastbare Zahlen finden

Wer sich selbst ein Bild machen will, braucht keine Prognosen, sondern Quellen:

  • SMARD, die Strommarktdaten-Plattform der Bundesnetzagentur, zeigt Erzeugung, Verbrauch und Großhandelspreise tagesaktuell.
  • Die Preisblätter Ihres Netzbetreibers enthalten die Netzentgelte für Ihr Netzgebiet, meist ab Jahresende für das Folgejahr.
  • Ihre eigene Jahresabrechnung ist die präziseste Quelle überhaupt – dort steht, wie sich Ihr Preis tatsächlich zusammensetzt.

Häufige Fragen

Warum sinkt mein Preis nicht, wenn die Börsenpreise fallen?

Weil nur der Beschaffungsanteil dem Markt folgt. Netzentgelte, Steuern und Abgaben bleiben unverändert, und Ihr Liefervertrag hat den Beschaffungspreis zum Abschlusszeitpunkt fixiert. Sinkende Börsenpreise wirken erst bei der nächsten Beschaffung.

Kann ich von negativen Börsenpreisen profitieren?

Nur mit einem Vertrag, der den Spotmarkt abbildet – und damit auch dessen Spitzen. Für Betriebe mit fixem Lastprofil ist das in der Regel kein guter Handel. Interessant wird es, wenn Verbrauch zeitlich verschoben werden kann.

Warum zahlt mein Standort mehr als ein anderer?

Meist wegen der Netzentgelte. Sie werden je Netzgebiet kalkuliert und unterscheiden sich erheblich. Bei mehreren Standorten lohnt der Vergleich dieses Bestandteils über die Abrechnungen.

Sollte ich auf fallende Preise warten?

Warten ist auch eine Wette, nur eine unbewusste. Wer wartet, verkleinert sein Zeitfenster und entscheidet am Ende unter Fristdruck. Sinnvoller ist, früh handlungsfähig zu sein und dann zu wählen.

Fazit

Energiepreise sind keine einzige Zahl, sondern vier Blöcke mit vier verschiedenen Logiken. Einer folgt dem Markt und lässt sich über den Zeitpunkt beeinflussen, einer ist regional und vorab bekannt, einer gesetzlich bestimmt, einer folgt einem Fahrplan.

Wer das auseinanderhält, trifft bessere Entscheidungen als jemand, der auf eine Prognose wartet. Einen Überblick über beide Energieträger gibt Strom und Gas für Unternehmen.


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